Sonntag, 29. Januar 2012
Psycho oder nicht Psycho
Kürzlich war ich selbst in der Situation, mir Gedanken zu machen, ob ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen solle. Ich sah mich selbst in einer Sackgasse und hatte Angst, immer tiefer zu versinken. Wie ich bereits in anderen Beiträgen schrieb, halfen mir einzelne Freunde, daß es nicht so weit gekommen ist. Allerdings kann es natürlich jederzeit Rückschläge geben, die intensivere Hilfe notwendig machen würden.

Nun sah ich in einem Bericht, wie schlecht es um die Versorgung von Patienten steht, die Bedarf an Psychotherapie haben. Wartezeiten von drei bis sechs Monaten sind die Regel. Die Begründung der Kassenärztlichen Vereinigung: es sei keine Akutsituation im Sinne von lebensbedrohlich.
Finanzielle Zwänge sind in allen Lebensbereichen vorhanden, aber wenn Nichtmediziner von Schreibtischen aus die Schwere der Krankheiten beurteilen, dann kann es nicht funktionieren. "Burn-out" ist seit ein paar Jahren bei fast allen bekannt, wird aber häufig falsch interpretiert. So weit ich es beurteilen kann, wird es allzuoft mit Depression verwechselt. Wie auch immer, beides kann zu starken Einschränkungen im persönlichen Leben und im Beruf führen. Je später eine Erkrankung erkannt wird und damit eine Therapie ebenso verspätet ansetzt, desto schlechter sind die Erfolgsaussichten. Die daraus resultierenden Folgen sind nicht vorhersehbar. Natürlich gibt es in der Schwere der einzelnen Erkrankungen Abstufungen, die nicht zwangsläufig zum Supergau führen, aber es ist doch vielsagend, wie unfähig die beteiligten Verbände und Einrichtungen sind, auf Mißstände zu reagieren. "Hilfe zur Selbsthilfe" kann nur funktionieren, wenn ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, um zeitnah zu reagieren und Unterstützung zu ermöglichen. Wer sich also nicht selbst helfen kann, scheint tatsächlich verloren zu sein...

... comment

 
Ende letzten Jahres traf ich eher zufällig eine Frau, 30 Jahre alt, Single, studiert & berufstätig, kein Model, aber gepflegt und attraktiv, allerdings psyschich stark gezeichnet. Sie lebt und arbeitet in einer Stadt bzw. einem städt. Ballungsraum, scheint aber in ihrem Privatleben massive Probleme zu haben: zu oft alleine, gescheiterte Beziehungen, etc.

Es stimmte mich schon traurig, wie die heutige Gesellschaft einen erwachsenen Menschen überfordern kann. Erwartungshaltungen von außen und innen (berufl. Erfolg, sozialer Status, materielle Besitztümer) wachsen stetig weiter, aber der einzelne Mensch stößt immer mehr an Grenzen, die nicht für jeden allein zu überwinden sind. Auf den negativen Einfluß der omnipräsenten Medien möchte ich hier nicht eingehen. Burn-out (auch als "Mode-Erscheinung"), Depression oder sogar Psychosen drohen den scheiternden Individuen - ein Teufelskreis, der ohne Hilfe nicht zu besiegen ist. Aber weder das Gesundheitswesen, noch die Gesellschaft im Ganzen haben bisher einen Ausweg dafür gefunden. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Familie oder Freundeskreis als Netzwerk funktionieren, allerdings befürchte ich für die Zukunft eine Zunahme an psychischen Erkrankungen.

... link  


... comment
 
ich denke, burnout ist sehr komplex... bei einigen ist es beurfsbedingte und/oder private überlastung, die dann in eine so genannte lebenskrise mündet, andere zeigen zudem depressive symptome, also eine gehirnstoffwechselerkrankung, wieder andere fühlen sich wegen kleinigkeiten unter druck und attestieren sich dann selbst ein burnout, sind also eher hypochonder, die auf eine welle aufspringen und sich wichtig tun.

wie auch immer, noch ist burnout noch nicht einmal eine offizielle diagnose. es muss da noch sehr viel geschehen. auch, was konkrete hilfe betrifft.

... link  


... comment
 
Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sagen: Hätte ich keine Therapiemöglichkeit gehabt, ich wäre früher oder später an meiner Depression zugrundegegangen. Mich hat die lange Wartezeit (bei meinem Therapeuten waren es sechs Monate) zwar beinahe resignieren lassen, aber trotzdem lag an deren Ende die Möglichkeit von Hilfe. Das war ganz wichtig für mich. Ich bin mir selbst dankbar, dass ich mich zu dieser Therapie entschlossen habe. Sie hat mir das Leben gerettet, das kann ich ohne jeglichen Pathos sagen.

Es ist ein absolutes Unding, dass man mit diesen Wartezeiten rechnen muss. Menschen mit psychischen Problemen sind chronisch unterversorgt in Deutschland. Wenn es hochkommt, dann verschreibt mal kurz der Hausarzt SSRIs, aber damit ist die Grundlage des Problems nicht angefasst. Nachgewiesenermaßen hilft Psychotherapie, außer bei ganz schweren Depressionen, genau so gut wie ein Antidepressivum. Es geht letztlich darum, unter dem Schutz und der Begleitung eines fähigen Fachmenschen die eigenen Wunden anzusehen und sich als lebenswert zu begreifen. Medis hingegen kleistern das Problem nur zu. Ich will sie nicht generell verteufeln, oft machen sie Menschen erst therapiefähig - aber was nützt es, wenn die Therapie dann nicht zur Verfügung steht?

Immer noch gibt es zu wenig Raum für seelische Probleme. Im Grunde ist auch die Tatsache, dass der Begriff "Burn Out" so sehr in Mode ist, dafür nur ein weiteres Symptom. Denn wer einen "Burn Out" hat, der hat sich immerhin noch an etwas äußerlichem aufgerieben, der hat für etwas gebrannt, anstatt "einfach nur so" an der Seele krank zu werden. Der ging an seinem Arbeitsstress zugrunde, nicht an dem Schmerz seiner Seele. Für manchen mag der Begriff auch eine nette Ausrede sein, sich ausruhen zu dürfen (schlimm genug, dass man dafür heutzutage eine Ausrede braucht). Eigentlich sagt "Burn Out" bloß: "Ich darf kaputt sein, denn ich habe schließlich auch vorher etwas dafür getan".

Die eigene Untröstlichkeit und Hilflosigkeit dem Leben gegenüber einzugestehen, ist ein guter Anfang. Aber wenn man dann nicht weiß, wer einen damit noch auffängt und wirklich helfen kann, dann ist der Schritt vor den Zug nicht mehr so weit, wie allgemein angenommen wird.

Wie Sie sich auch entscheiden, alles Gute dafür!

... link  


... comment